Ein denkwürdiges Denkmal: Genius mit Fackel und Lorbeerkranz in Schmöckwitz

Nachdenklicher Knabe / Foto: sustheVor der schlichten evangelischen Kirche von Berlin-Schmöckwitz ist ein kleines Denkmal aufgestellt, es ist den Gefallenen aus Karolinenhof aus dem 1.Weltkrieg gewidmet. Auf einem Sockel liegt ein Löwe, auf diesem sitzt ein nackter Knabe, der sich auf eine umgekehrte, verlöschende Fackel in melancholischer Haltung abstützt. Die andere Hand ruht, einen Siegerkranz haltend, auf der Löwenmähne. Diese Attribute wirken fast wie Spielzeuge, deren er gerade überdrüssig geworden ist.

Der Künstler hat in diesem Bildwerk eine Symbolsprache verwendet, die den Zeitgenossen noch geläufig war. So verkörperte der Löwe die Stärke des wilhelminischen Reiches, hier aber ist er ermüdet und ähnelt in seiner Haltung mit zwei parallel ausgestreckten Pfoten eher einer Sphinx, die seit dem 18. Jahrhundert als Symbol der Ewigkeit verstanden wurde. Der Knabe stellt den griechischen Totengott Thantanos dar. Beide, Löwe und Genius, wurden in der Bildhauerei häufig in Grabskulpturen dargestellt. In seinen Vereinfachungen und den klaren, langgestreckten Linienführungen hat der Künstler das Thema der Formensprache des Neoklassizismus angeglichen, es finden sich aber auch Elemente des Jugendstils. Auffällig ist der individuell wirkende Gesichtsausdruck des Knaben. Mit stillem, unaufdringlichen Pathos schaut er auf Besucher, die sich vielleicht auf der steinernen Rundbank unter der schattenspendenden Eiche von einer Radtour ausruhen. Auch ich habe dort gern gesessen, als ich das Denkmal entdeckte.

Georg Hengstenberg

Wer aber war der Künstler? Er hat seinen Namen auf der Rückseite der Skulptur hinterlassen „G. Hengstenberg“. Ein Unbekannter? Die Qualität der Skulptur ist zwar nicht herausragend, aber formal doch bemerkenswert. Umso erstaunlicher, dass es kaum Literatur über ihn gibt. Auch die Denkmalbehörden konnten kaum Auskunft geben. So hat die Recherche überraschende Fakten und mehr Fragen als Antworten erbracht…

1879 wurde der Künstler im damals noch österreichischen Meran geboren. Vermutlich war sein Vater der Ingenieur Rudolf Hengstenberg, dieser stammte aus einer bekannten protestantischen westfälischen Theologenfamilie und baute in Meran ein Gaswerk.

Georg schreibt sich 1894 in der Akademie der bildenden Künste in München ein, sein Lehrer ist der bodenständige Syrius Eberle, der die Fachrichtung „religiöse Skulptur“ unterrichtet. Als die Familie 1899 nach Berlin-Wannsee zieht, besucht er die Königliche Akademie der Künste und hat einen guten Start. Seine Skulpturen werden gewürdigt, er wird Mitglied der berühmten Berliner Sezession, einer Künstlervereinigung, der auch die Bildhauer Fritz Klimsch und Anton Gaul, sowie Max Liebermann und Lovis Corinth angehören. 1908 erhält er den begehrten Rompreis der Akademie und reist mehrfach nach Italien. In Berlin ist er nachweislich mit Barlach und anderen Mitgliedern der Sezession befreundet.

Zu den unterschiedlichen Kunstströmungen, die im frühen 20. Jahrhundert entwickelt werden, kann er jedoch keine eindeutige künstlerische Position beziehen und bekommt schließlich von der Kunstkritik die Quittung: In der Ausstellung der Session 1912 „befinden sich eine Reihe recht übler Dinge, von denen der Taufengel von Georg Hengstenberg der reine Friedhofskitsch ist.“

Danach finden sich nur wenige öffentliche Bildwerke, eines ist das Denkmal in Schmöckwitz und das 1924 entstandene Nothelfer-Ehrenmal, für die beim Eisenbahnerstreik 1922 verunglückten Studenten auf dem Luisenfriedhof in Berlin.

Es mag in der sich verändernden Architektur im 20. Jahrhundert gelegen haben, die zunehmend auf Figurenschmuck verzichtete und vielen Bildhauern einen Auftragsrückgang bescherte, dass diese versuchten sich zu organisieren. Georg Hengstenberg nimmt 1927 an einem Gründungstreffen zur Förderung öffentlicher Skulptur in Berlin teil, welches aber ergebnislos bleibt.

Ab 1934 findet er einen neuen Wirkungskreis in Bielefeld, er wird Museumskustos des städtischen Kunsthauses. In seiner Amtszeit zeigt er sich als äußerst beflissener, linientreuer Nazi-Parteigänger, der mit großem Eifer bei Beschlagnahme-Aktionen der sogenannten „entarteten Kunst“ im Jahre 1937 mitwirkt, indem er Aufträge seiner Partei annimmt. Ein recht brachial ausgeführtes Wagner-Denkmal in Detmold belegt dies. Hengstenberg verstarb 1959 in Bielefeld.

Das Gefallenendenkmal in Berlin-Schmöckwitz wurde 2012 restauriert. Es mag in der Achtung vor dem Tod der Gefallenen seine Rechtfertigung haben, zudem zeigt das Antlitz des Knaben das Porträt des damals 12 jährigen Waldemar Schumacher, der Modell gesessen hat. Angesichts der Naziverbrechen und deren Helfershelfer, zu denen auch der Künstler gehört, muss aber ein kritischer Umgang mit dessen Nachlass thematisiert werden.

Fragwürdige Skulpturen

Gefallenendenkmäler sind mit politischer Absicht produziert. Die antikisierende Darstellung des Todes geht auf eine Streitschrift Lessings zurück, in welchem er die schönen Totengötter der Antike den Sensenmännern des christlichen Abendlandes gegenüber stellt. Schadow hat die Ideen der mythologischen Grabfigur als erster umgesetzt und populär gemacht. Ob man Kriegstoten jedoch mit einem ästhetisierenden Denkmal gerecht wird, bezweifelte schon Schiller:

„Lieblich sieht er zwar aus mit seiner erloschenen Fackel. Aber, ihr Herren, der Tod ist so ästhetisch doch nicht.“

Der Anspruch eines Kriegerdenkmals ist es, Erinnerungen an Ereignisse zu bewahren. Damit bekommen die verwendeten Symbole die Aufgabe, dem Kriegstod einen Sinn zu unterlegen und ihm eine religiöse oder mythische Qualität zu verleihen. Nach dem 1. Weltkrieg setzte bei nachträglich errichteten Kriegerdenkmälern in den 20er Jahren ein Trend zur vermehrten Darstellung figürlicher Szenen ein. Der Totalisierung dieses Krieges durch chemische und mechanische Tötungsverfahren gegenüber erscheinen die meisten dieser Bildwerke wie in eine Schockstarre der Sprachlosigkeit gefallen. Georg Hengstenbergs Denkmal war den Auftraggebern gewiss genehm. In einer Zeit, in der bereits die expressionistische Plastik entwickelt war, griff er, wie fast alle seine Kollegen, in die stilistische Mottenkiste der Verharmlosung und Verdrängung.

Hengstenbergs Mahnmal mahnt nicht, die Form des Denkmals schützt vor Gedanken der Verantwortung und Gefühlen der Schuld. Im idealtypischen, nackten Knaben jedoch klingt eher bereits das heroisch anonyme Menschenbild eines sich anbahnenden Faschismus.

Entspannung unterm Eichbaumschatten? Nein, so sind die Dinge doch nicht.

(Ausgabe November 2014)